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Lasst die Zeitzeugen sprechen

27. Januar 2026

Zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz mahnt Pfarrer Björn Mensing im Interview: „Solange es noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, die bereit sind zu sprechen, sollten diese im Vordergrund stehen.“

Dr. Philipp Hildmann: Nach 21 Jahren an der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau gehen Sie in diesem Jahr in den Ruhestand. Wie geht es Ihnen, als gewissermaßen „berufsmäßigem“ Mitveranstalter von Internationalen Gedenktagen an die Opfer des Holocausts, mit dem diesjährigen Gedenken?

Dr. Björn Mensing: Seit 2005 habe ich als Pfarrer der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau jedes Jahr an Gedenkveranstaltungen zum 27. Januar teilgenommen, oft auch mitgewirkt, heuer letztmals in dieser Funktion – am 12. Juli werde ich auf eigenen Wunsch in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Mein Eindruck ist: In den letzten Jahren kommen bei den Gedenkfeiern immer seltener NS-Verfolgte selbst zu Wort. Bestenfalls spricht noch ein Nachkomme, die meiste Redezeit liegt bei staatlichen Funktionsträgern.

Die Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau ist Mitglied des Bayerischen Bündnisses für Toleranz

Was wäre Ihr Appell an die Organisatorinnen und Organisatoren künftiger Gedenkveranstaltungen?

Solange es noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, die bereit sind zu sprechen, sollten diese im Vordergrund stehen. So erlebte ich es vor einem Jahr beim Gedenkakt zum 80. Jahrestag der Befreiung in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Besonders beeindruckte mich die Rede des hundertjährigen Shoah-Überlebenden Dr. med. Leon Weintraub.

Erinnern Sie sich noch an die Worte, die Sie hier besonders beeindruckt haben?

Ich erinnere mich genau, aber Leon Weintraub war auch so freundlich, uns die deutsche Übersetzung seiner aufrüttelnden Rede zu übermitteln, deshalb kann ich die Passage, die mich besonders angerührt hat, hier auch „druckreif“ zitieren:

„Ich appelliere an alle Menschen guten Willens, vor allem an die jungen Menschen: Seid sensibel für alle Erscheinungsformen von Intoleranz, Abneigung gegen Andersdenkende, sei es wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung. … Ich bitte alle, ihre Anstrengungen zu vervielfachen, um den Ansichten entgegenzutreten … Ich versichere Ihnen, dass, wenn ich als Frauenarzt eine Operation durchführe, unabhängig von der Hautfarbe der Patientin, das Gewebe darunter bei allen identisch ist. … Das Gedenken an den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist sowohl eine Erinnerung an die unmenschliche Behandlung von Menschen als auch eine Warnung vor der immer lauter werdenden Bewegung der radikalen und antidemokratischen Rechten.“

Lieber Herr Dr. Mensing, wir danken Ihnen sehr für das kurze, aber eindrückliche Interview!


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