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Nachdenken über „kämpferische“ Toleranz

26. Januar 2026

Wo verläuft der Grat zwischen der Toleranz als tragender Säule freiheitlich-demokratischer Grundordnung und Steigbügelhalter intoleranter Gesellschaftsformen? Eine zweitägige Konferenz in Bad Alexandersbad machte sich auf Spurensuche.

Eine offene Gesellschaft lebt von Toleranz: Vom respektvollen Austausch und vom Aushalten konträrer Meinungen. Zugleich läuft uneingeschränkte Toleranz Gefahr, in die Falle der Intoleranten zu geraten und sich auf diesem Wege selber abzuschaffen. Wo verläuft der Grat zwischen der Toleranz als tragender Säule freiheitlich-demokratischer Grundordnung und Steigbügelhalter intoleranter Gesellschaftsformen? Brauchen wir im Rahmen der verfassungsgemäßen Ordnung einen frischen Ansatz „kämpferischer Toleranz“ (Joachim Gauck) – und wie sähe dieser aus?

Generationenübergreifende Diskussion der Beiträge von Berthild Sachs und Thomas Brose

Im Rahmen einer zweitägigen Konferenz im und mit dem EBZ Bad Alexandersbad, für das die theologisch-pädagogische Leiterin Angela Hager die „generationenübergreifenden“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn herzlich begrüßte, wurden diese und weitere Fragen am 23./24. Januar intensiv diskutiert; nicht zuletzt im Blick auf das Wahljahr 2026, das sich als „Schicksalsjahr“ für unsere Demokratie erweisen könnte, wie Bündnisgeschäftsführer Philipp Hildmann intonierte.

Die erste Impulsgeberin des Panels zur theologisch-philosophischen Dimension war Berthild Sachs, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Bayreuth, die u.a. mit dem englischen Philosophen Bernard Williams die Toleranz als „unmögliche Tugend“ skizzierte, zwinge sie uns doch zum Ertragen dessen, was wir eigentlich ablehnten. In klaren Schritten leitete sie die Notwendigkeit zur Toleranz aus zentralen Prinzipien der Reformation ab und verortete sie im steten Spannungsfeld zwischen Indifferenz und Intoleranz. Als zweiter sprach der Berliner Religionsphilosoph Thomas Brose, der am Beispiel des katholischen Schriftstellers Günter de Bruyn (1926-2020) verdeutlichte, wie man in einem Umfeld der Lüge und der Intoleranz aus dem persönlichen Glauben heraus zu einer Haltung der Resilienz finden kann.

Jörg Skriebeleit – kein großer Fan von „Geschichte in Aspik“

Zu Beginn des zweiten Panels zu Perspektiven politischer Bildung nahm der Leiter des Netzwerks Politische Bildung Bayern, Christian Boeser, die über 40 Teilnehmer der Fachtagung dann mit hinein in seine aus vielen Seminaren heraus gewonnenen Überlegungen, dass es zwar möglich ist, Toleranz zu lernen, aber eigentlich unmöglich ist, Toleranz zu lehren. Um Chancen und Grenzen didaktischer Programme ging es dann auch im anschließenden Beitrag des Leiters der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, der insbesondere die anwesenden jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu intensiver Diskussion über ihre eigenen Erfahrungen verlockte und sie mit hineinnahm in die Spannweite der Gedenkstättenarbeit von „Geschichte in Aspik“ bis „Memory Lab“.

„Juden werden wieder verfolgt in Deutschland!“ – warnt Ludwig Spaenle in seinem Festvortrag

Zum öffentlichen Abendvortrag mit über 70 Zuhörern war Staatsminister a.D. Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, nach Bad Alexandersbad gekommen. Mit einem weiten Bogen vom Beginn des Volkes Israel bis zum größten Pogrom seit 1945, dem 7. Oktober 2023, und seinen Folgen unterfütterte er seine These, dass Antisemitismus mitnichten nur ein Problem für Jüdinnen und Juden darstelle, sondern eine – wenn nicht die zentrale – Herausforderung der offenen Gesellschaft sei.

Nach einer inspirierenden Morgenandacht von Angela Hager mit Bezug auf die mutige Bischöfin von Washington Mariann Budde wandte sich der zweite Konferenztag der politischen Dimension des Themas zu. In einem spannenden Podiumsgespräch diskutierten zwei aktive politische Protagonisten miteinander und mit den Anwesenden über „kämpferische Toleranz“

Grenzenlose Toleranz ist für Uwe Backes ein Widerspruch in sich

im politischen Alltag: der Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen Tim Pargent und die SPD-Oberbürgermeisterin von Hof Eva Döhla. (Der CSU-Vertreter hatte krankheitsbedingt leider kurzfristig absagen müssen.) Im Mittelpunkt standen Brandmauern und Parteiverbote, Debattenkultur, Debattenverrohung sowie die Notwendigkeit, zu argumentieren, nicht zu polarisieren.

Das letzte Panel eröffnete der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung Uwe Backes, der noch einmal an die Zerstörung der Demokratie mit ihren eigenen Mitteln in der Weimarer Republik erinnerte und unter Rekurs auf den Staatsrechtler Karl Loewenstein (1891-1973) den notwendigen Weg der Bundesrepublik hin zu einer „wehrhaften Demokratie“ zeichnete. „Grenzenlose Toleranz“, so eine seiner Kernaussagen, „wäre ein Widerspruch in sich.“

Reiner Anselm unterstreicht, dass Religion eine Kultur der Toleranz stärken kann

Zum Abschluss spürte Reiner Anselm, Professor für Systematik und Ethik, noch einmal aus evangelischer Perspektive den Grenzen der Toleranz gegenüber politischen Positionen nach. Religion, so seine finale These, könne als vorpolitische Ressource wirken, indem sie eine Kultur wechselseitigen Respekts stärke; in diesem Sinne liege der vielleicht wichtigste Beitrag der Kirche zum Schutz der freiheitlichen Demokratie in einem entschiedenen Engagement gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Christentum.

Eva Döhla und Tim Pargent bestritten die Diskussionsrunde über kämpferische Toleranz im politischen Alltag

In ihrem abschließenden Dank stellten die beiden Tagungsverantwortlichen Angela Hager und Philipp Hildmann gemeinsam mit der Bayreuther Geschichtsstudentin Lisa-Maria Schuster, die die Konferenz mit vorbereitet und moderiert hatte, die Prüfung einer Drucklegung der Konferenzbeiträge in der Reihe „Berliner Bibliothek“ in Aussicht.


Wir sind Bayerns größter Zusammenschluss aus staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie Religionsgemeinschaften, um unsere Demokratie und die Achtung der Menschenwürde zu stärken und Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.


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