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Mehr als nur eine Randnotiz – Die Bayerischen Kommunalwahlen 2026

02. April 2026

Interview mit Wahlexperte Dr. Michael Weigl (Universität Passau) im Nachgang zur digitalen Veranstaltung „Was die Wahl verrät – und was uns das zu denken geben sollte: Eine überparteiliche Analyse der Kommunalwahl 2026 in Bayern“ (24.03.2026).

Sindy Winkler: Herr Weigl, wie bewerten Sie das Gesamtergebnis der bayerischen Kommunalwahlen 2026 – eher erwartbar oder doch mit überraschenden Entwicklungen?

Dr. Michael Weigl: Das Ergebnis der bayerischen Kommunalwahlen vom 08. März 2026 (Gremienwahlen kreisfreie Städte und Landkreise) scheint wenig spektakulär: Die Verluste von CSU, SPD und Grünen einerseits sowie starke AfD-Gewinne andererseits entsprechen erwartbaren Trends. Die Personenwahlen und vor allem die Stichwahlen (22. März) aber brachten manche bemerkenswerten Personen- und Farbenwechsel. So wie die Stärke der AfD in diesen Kommunen, in denen sie bei Gremienwahlen angetreten ist, einen neuen Abschnitt bayerischer Kommunalpolitik anzeigt, sind es bei Stichwahlen vor allem die schweren Verluste der CSU bei gleichzeitig großen Gewinnen der Freien Wähler sowie Freier Wählergruppen, die als Zäsur zu werten sind.

SW: Welche Unterschiede zeigen sich zwischen ländlichen Räumen und größeren Städten?

MW: In der Fläche, wo sich oftmals nur wenige Kandidatinnen und Kandidaten für die Rathausspitze bewerben, mussten sich die Parteien reihenweise gegen freie Wählergruppen geschlagen geben. Im Besonderen traf dies die zuvor in kleineren und kleinen Gemeinden dominante CSU, aber auch die anderen Parteien verloren manches Rathaus. Der weit verbreitete Wunsch nach pragmatischer Kommunalpolitik führte zu einer Abwendung von den traditionellen parteipolitischen Kräften, auch die insgesamt zu greifende Unzufriedenheit mit Parteien dürfte eine Rolle gespielt haben.

Auch in größeren und großen Städten sowie in den Kreisen, also dort, wo die Zahl der Kandidierenden zunimmt und Sozialstrukturen anonymer sind, konnten freie Wählergruppen häufiger als früher die Personenwahlen für sich entscheiden. Vor allem aber sind es hier die Freien Wähler, die als erfolgreiche Wahlalternative zur zuvor beherrschenden CSU Triumphe feiern und sich als klar zweitstärkste Kraft im Freistaat etablieren konnten. Landespolitisch hat sie in den letzten Jahren eher an Zustimmung verloren. Auf der Ebene der Kreise aber bietet sie sich heute mit ihrem kommunalpolitischen Profil mehr denn je als Alternative zu den anderen Parteien an (bei Gremienwahlen zusätzlich zur AfD, die in den Kreisen häufig zweit- oder drittstärkste Kraft geworden ist).

SW: Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse der Kommunalwahl für die zukünftige Entwicklung der Parteien in Bayern?

MW: Der Erfolg der Freien Wähler ist in diesem Sinne noch kein Hinweis auf ihre künftige Stärke in der bayerischen Landespolitik. Auch die Erfolge von Grünen und SPD vor allem in Städten und urbanen Korridoren lassen kaum Rückschlüsse zu. Die SPD hat ihren Verlust städtischer Substanz nicht aufhalten, nur abbremsen können. Die Grünen wiederum konnten ihre in den letzten Jahren gestiegenen Mitgliederzahlen und auch ihr Mehr an Ortsverbänden nicht in eine substanzielle Ausbreitung in der Fläche ummünzen. In den großen Städten werden außerdem beide von der Linken getrieben, die zwar bayernweit wenig Relevanz besitzen, hier aber beachtliche Erfolge feiern konnte. SPD und Grüne durften so nach der Kommunalwahl aufatmen. Die Schatten aber verbieten Übermut.

Die Alarmglocken schrillen dürften schließlich bei der CSU. Ihre Verankerung in der Fläche und ihre Stärke in den Kommunen gehört zur DNA der Partei und war ein Grund ihres jahrzehntelangen Erfolges. Insofern gilt: Wenn die Partei an der kommunalen Basis schwächelt, ist es nicht mehr weit bis zu einer Grippe, welche die Gesamtpartei auch in anderen Wahlen schwächen könnte. Zwar bleibt die Partei die erste politische Kraft in Bayern auch im Kommunalen. Die jetzigen Verluste aber sind mehr als nur eine Randnotiz. Die CSU ist immer noch Volkspartei. Ihren leisen Abstieg aufzuhalten, aber ist der Partei auch mit den Kommunalwahlen nicht gelungen. Ganz im Gegenteil.  

SW: Herzlichen Dank, Herr Dr. Weigl, für Ihre Einordnung und die kompakte Zusammenfassung der Wahlergebnisse.


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